Als die jetzigen Besitzer Montecastelli 1993 kauften, war diese wunderschöne Ruine eines der wenigen herrschaftlichen Güter in den senesischen Hügeln, die noch nicht von der modernen Restaurierungswut verdorben waren. Während im Chiantigebiet schon seit etwa zehn Jahren elektronisch gesteuerte Tore die Präsenz internationaler VIP's signalisierten, war das Montagnola noch unentdeckt und verschlafen. Hoch über dem Elsatal, auf der Kuppe eines Hügels gelegen, hat Montecastelli die Zeiten überdauert und es scheint, als habe allein seine magische Schönheit es vor allen Zivilisierungsversuchen beschützt. Aus diesem Verständnis heraus galt unser Hauptaugenmerk bei allen Arbeiten, die zur Wiedererweckung Montecastellis nötig waren der Erhaltung seiner "magischen Aura". Im Jahre 1993 begannen die Restaurierungsarbeiten. Zuerst einmal mußte nachgeschaut werden, was da eigentlich alles unter dem Dornengestrüpp und Mist zum Vorschein kam. Wasser, Strom oder Gas gab es nicht und der Zufahrtsweg war kaum befahrbar. Natürlich mußten wir den Pfad hinauf sanieren und auch Strom - und Telefonleitungen sowie das Internet fanden ihren Weg zu uns. Bei allen baulichen Maßnahmen war unser vorrangiges Ziel, so viel wie irgend möglich der alten Bausubstanz zu erhalten und nur diejenigen Teile zu erneuern, die ganz zerstört waren, d.h. Erhaltung vor Wiederaufbau! Den Grundriß der ursprünglichen Festungsanlage konnten wir endlich erkennen, nachdem das Gelände von vielen Lagen Schutt und Gestrüpp befreit war. Hinweise auf die Baustruktur hatten wir schon im Repetti und seinem "Dizionario Corografico della Toscana" gefunden. Es scheint, als sei die Festung Montecastelli nach wiederholten Überfällen schließlich doch besiegt und danach zerstört worden. Das Mauerwerk war aber so stark, daß nur ein Teil der Festung von den Siegern niedergerissen werden konnte. Das verbliebene Untergeschoß wurde wohl mit Trümmern aufgefüllt. Im 14. Jh. wurde die Anlage mit Hilfe der Kirche wieder aufgebaut und man machte das Obergeschoß zur Wohnebene. Die Morphologie der umliegenden Felder und Wiesen sowie das eher untypische unterirdisch angelegte Kellergewölbe, das nicht wie sonst in den Berg hinein gehauen wurde sondern auf einem eigenen Fundament ruht bestätigen diese Annahme. Noch weitere Zeugnisse hervorragender mittelalterlicher Handwerksarbeit sind ein fast vollständig erhaltener Torbogen an der Ostseite von Montecastelli, eine Schießscharte im Heuschober und eine 33 meter tiefe gemauerte Zisterne. Heute können wir uns kaum vorstellen, daß zu damaliger Zeit, ohne moderne Atemgeräte, eine Arbeit in solcher Tiefe ohne Sauerstoffprobleme ausgeführt werden konnte. Ein Team von Studenten aus über 12 Länden, darunter Brasilien, Iran, Polen, Luxemburg, Norwegen, USA, Deutschland und der Schweiz hat in den ersten drei Jahren den Löwenanteil der Grundrestaurierung desjenigen Teils von Montecastelli geleistet, der das "Castello" genannt wird: ein kompaktes L-förmiges Gebäude mit 1.50m dicken Mauern im nord-östlichen Bereich der ehemaligen Festung, der eindrucksvollste Komplex des ganzen Geländes. Das Mauerwerk besteht zu einem großen Anteil aus Original-Filaretto-Arbeit und war glücklicherweise in einem so stabilen Zustand, daß wir weder neue Fundamente einfügen noch Reparaturen an den Mauen vornehmen mußten, die jetzt so wie vor 1000 Jahren stehen. Über die ursprüngliche Form des Daches und Höhe der Wohnebene wissen wir leider nicht viel. Manche Quellen sprechen von einem Zinnenkranz, aber wir haben dafür keine eindeutigen Beweise. Die heutigen Bauvorschriften verlangen eine Dachkonstruktion in der "Capriata"-Technik, bei der die schräg verlaufenden Dachbalken mit einem Schlüssel, dem sog. "monaco" (Mönch) verankert werden, so daß keinerlei Belastung auf der Hypothenuse der dreieckigen Dachkonstruktion liegt. Bei der Installaltion von Heizung, Strom, Bädern und Küchen wurde stets die Geradlinigkeit des Baukörpers berücksichtigt und die bei der Restaurierung verwandten Materialien sollten den ursprünglich angewandten Baumethoden so nah wie möglich kommen. Deshalb arbeiteten wir mit Kalk und Kalksandstein, fügten dem Putz zur besseren Isolierung Bims bei und benutzten natürliche Farbgeber aus unseren Böden. Alte Montecastelli Dachbalken aus Kastanienholz und viele alte Terracotta-Dachziegel wurden gesäubert und wieder verwendet. Im 2. Abschnitt ging es um die schwierige Restaurierung von Scheune und Remise an der süd-östlichen Seite Montecastellis. Zwischen beiden, die schwer beschädigt und eigentlich eine totale Ruine waren, verlief die Mauer der alten Festung. Beim Wiederaufbau arbeiteten wir auch hier wieder, so weit wie möglich, nach alten Methoden, mußten aber auch Zement und Eisenträger verwenden, wo die heutigen Bauvorschriften dies verlangen. Dieser Abschnitt der alten Festungsanlage ist besonders schützenswert, so daß wir keine neuen Öffnungen für Fenster bzw. Türen brechen durften. Deshalb sind jetzt beide Gebäudeteile durch eine innenliegende Treppe mit Zugang durch die alte Pforte des Heuschobers verbunden. In der 3. Phase mußten wir einen Weg finden, um in den vorhandenen alten Ställen Räume zu schaffen, die wir für unseren gerade gegründeten landwirtschaftlichen Betrieb dringend benötigten: Ölmühle, Ölabfüll- und Lagerraum sowie ein Büro. Außerdem sollte der letzte große Gebäudetrakt restauriert und in komfortabel ausgestattete Apartments umgewandelt werden. Ein überaus schwieriges Problem, das nur mit Hilfe von verschiedenen Beratern in einen genehmigungsreifen Entwurf gebracht werden konnte. Endlich durften wir mit den Restaurierungsarbeiten beginnen, alles mußte jedoch im Verhältnis zum Umfang der landwirtschaftlichen Aktivitäten stehen. Die bei der bisherigen Restaurierung gemachten Erfahrungen waren jetzt eine sehr wertvolle Hilfe. Erhaltung und teilweiser Wiederaufbau der völlig verfallenen Substanz erforderten das Einspritzen von französischem Spezialkalk in altersschwache Wände, um sie in ihrer alten Form erhalten zu können. Dieser Kalk verteilt sich in Ritzen und Löcher des inneren Mauerwerkes, wird im Trocknungsprozeß ähnlich wie Zement und stabilisiert so die Baustruktur. Dieses Material verwandten wir auch zur Fugendichtung an den Außenfassaden. Der hervorragenden Arbeit von Maurizio "Mizio" Bruzzone und Fabio "Ruggine" Rossi gilt unser besonderer Dank, die ihr Bestes gegeben haben, um diesen Gebäudeteil Montecastellis wieder bewohnbar zu machen. Schließlich kam die Genehmigung zum Bau eines Schwimmbades an der Stelle des ehemaligen Misthaufens.Die äußere Gestaltung des Areals in Travertingestein aus den Hügeln östlich von Siena ( früher wurde Travertin auch ganz in unserer Nähe in einem Steinbrauch bei Gracciano geschnitten) rundet das Bild der beim Wiederaufbau vonMontecastelli verwendeten Formen und Materialien ab und wir hoffen, daß wir mit all diesen Überlegungen die Vergangenheit respektiert haben, um so die Magie dieses wunderschönen Ortes zu bewahren. |
Terrasse vor der Restauration
Terrasse nach der Restauration
Traditionelle Dacharbeiten
Dacharbeiten Castello
Küche während der Restaurationszeit
Legen der Dachbalken
Altes und neues Mauerwerk
Restauration des Pizzaofen
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